Die organische Bilanztheorie

Gliederung


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Ziele der organische Bilanz

Sich der Forderung der dynamischen Bilanzauffassung Schmalenbachs nach Ermittlung des richtigen Unternehmens­gewinns anschließend, erweitert Schmidt das Konzept des „richtigen Gewinns“ durch Einbeziehung des Vermögenswertes in die Wirt­schaft­lich­keits­kon­trolle. Auch Schmidts Ausführungen sind dynamische Merkmale wie verursachungsge­rechte Aufwandsverrechnung1 und Periodisierung durch transitorische und anti­zipative Posten2 zu entnehmen. Jedoch verfolgt er dualistische Bilanzziele: exakte Ermittlung des Vermögens und des Erfolgs.

Geprägt durch die historischen Umstände der Hyperinflation, soll die Betriebsführung das Ziel der Substanzerhaltung verfolgen, welche im Gegensatz zum Prinzip der Geldkapital­erhaltung mit starren Bilanzansätzen pagatorischen Ursprungs, die volatilen Wie­derbeschaffungspreise der Sachgüter in der pekuniären Rechnungslegung richtig abbilden und verrechnen kann. Ist der Ansatz zu Wiederbeschaffungspreisen zur Darstellung des Reprodukti­onsvermögens der Unternehmung erforderlich, können folglich die Preiskapriolen des Industrie- und Rohstoffgütermarktes nicht mehr aus der Erfolgsermittlung ferngehalten werden. Schmidt verlangt daher die „konsequente Trennung der Vermögensrechnung von der Erfolgsrechnung3 mit Hilfe des KontosVermö­genswertänderung“ bzw. „Wertberichtigung“, obwohl im Verlauf seiner Untersu­chung deutlich wird, wie die Besonderheiten des organischen Bilanzansatzes, also der Bewertung zum Wiederbeschaffungspreis auf die Gewinn- und Verlustrech­nung trotzdem durchschlagen.


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Volkswirtschaftliche Einbettung

Als Gewächs aus der Inflationszeit zwischen 1920-1924, sieht der Begründer der organischen Bilanzlehre Fritz Schmidt das Einzelunternehmen gleich einer Zelle mit dem Organismus „Gesamtwirtschaft“ verbunden. Die Verknüpfung des Ein­zelunternehmens zur Gesamtwirtschaft findet durch Übernahme des Ersatzwertes (Reproduktions- oder Wiederbeschaffungswert) aus dem gesamtwirtschaftlichen Marktgeschehen in die betriebliche Vermögens- und Gewinnermittlung statt.

Die historische Besonderheit der Hyperinflation soll uns nicht daran hindern, diese Bilanztheorie in heutiger Wirtschaftsverfassung einzuordenen, denn auch in unserer Zeit führt die immer größere Knappheit und Spekulation beim „schwarzen Gold“ zum, bisher moderaten, Auftrieb bei der allgemeinen Preissteigerungsrate.


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Entstehen und Auswirkung des Preisauftriebs

Ursachen der Geldwertveränderungen in der Volkswirtschaft können die Produktions- und die Einkom­mens­verschie­bung sein.

  1. Die produktionsbedingte Preisänderung entsteht bspw. wenn die „Arbeitsrationierung durch den bedingungslosen Achtstundentag4 ohne Lohn- und Produktivitätsausgleich (Produktionsverarmung) die Stückkosten und damit den Verkaufspreis in die Höhe treibt. Während bei niedrigerer Ausla­stung die Lebensdauer der Anlagen verlängert, die Abschreibung verringert, An­lagen stillgelegt und liquidiert (Desinvestition) werden müssen, führt die Lohn­steigerung zum gesamtwirtschaflichen Preisauftrieb und bald zur Wiederherstel­lung der alten Kaufkraft­propor­tionen5 auf einem höheren nominalen Niveau.
  2. Die Inflation, verursacht durch gestiegene Einkommen6, löst höhere Güternach­frage aus, die auf ein monopol- oder kapazitäts­bedingt unverändertes Angebot trifft. Die allseits gestiegenen Kosten auch für Produktionsfaktoren werden über erhöhte Preise weitergereicht. In umgekehrter Richtung wirkt die Deflation, in­dem z.B. durch „scharfe Steuern“ Einkommenskaufkraft entzogen wird und „in Gestalt von Geldzeichen vernichtet7 werden.

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Vermögensrechnung zur Messung des Rentabilitätsniveaus

Zugang zu einem Absatzmarkt kann nur jener Unternehmer erreichen, dessen Be­trieb durch eine bestimmte Kapitalausstattung in die Lage versetzt wird, mit dem erzielten Gewinn mindestens die Nominalverzinsung des eingesetzten Kapitals zu erreichen, um mit alternativen Verwendungsmöglichkeiten der Finanzmittel konkurrieren zu kön­nen. Mit der Änderung des Preisniveaus von Produktionsfaktoren, ändert sich entsprechend der Kapitalbedarf und gleichzeitig die Gewinnerwartung zum Erfor­dernis der Mindestverzinsung, daher muß der Reproduktionswert des Unternehmens bekannt sein.


Abbildung: Bestandteile des Unternehmenswertes

Jedes Wirtschaftssubjekt, welches in der Lage ist, entsprechende Reproduktionskosten aufzu­bringen, kann ein Unternehmen kopieren um als Konkurrent in den Markt einzutreten. Sein wirtschaftliches Können erweist sich erst, ob es ihm gelingt, einen Gewinn zu erzielen, der hö­her ist als die Mindestverzinsung des Repro­duktions­wertes8 (Reproduktionsertragswert). Die Lücke zwischen Gewinn und niedrigerer Mindestverzinsung bzw. Gesamtwert und Re­produktions­wert des Unter­nehmens erklärt sich durch überdurchschnittliche Fähigkeiten des Unternehmers, z.B. bei Organisation der Produk­tionsfaktoren oder mit Ausnutzung einer Mono­polposition (Patente, Ausbeutungsrechte) durch „Be­schränkungen, die [sich] aus Kosten- und Nach­frageökonomik [...] ergeben, Preise erzwingen, die, weil konkurrenzfrei, höheren als den Normalertrag enthalten9.



Reproduktionsertragswert

+/-

Geist des Unternehmers

+

Monopolausnutzung

=

Gesamtertrag

Zusammensezung des Gewinns


Die Konkurrenz der sachgemäß ausgestatteten Unternehmungen erzwingt10 die Beschränkung des Gesamtreproduktionswertes auf die betriebsnotwendige Poten­tiale: Nicht verwendete Anlagen verursachen zusätzliche Kosten und können li­quidiert werden.

Zweck der Vermögensrechnung muß die Feststellung aller Aktiven und Passiven zum Marktpreis sein, zum Ziel den „Kostenaufwand und die Vermögenszusam­mensetzung einer Normalunternehmung11 darzustellen. Wie also müssen Bi­lanzwerte bemessen sein, um die relative Stellung der Unternehmung in der Ge­samtwirtschaft zu behaupten?12


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Trennung der Vermögens- von der Erfolgsrechnung durch das Konto Wertberichtigung

Um erkennen zu können, ob der Betrieb mit Erfolg arbeitet, indem er sich in kor­rekter Höhe refinanziert, sind Bilanzbestände bereits erworbener Vermögensgegenstände nachträglich an den Gegenwartswerte anzupassen.

Marktpreiserhöhungen führen im Wege dieser Anpassung zur Zuschreibungen von Bilanzbeständen, zur Erhöhung des Reinvermögens. Wegen der Verknüpfung von Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) entstehen so Scheingewinnen aufgrund von Preisänderungen des Beschaffungsmarktes. Trotz des Risikos bei Ersatzbeschaffung mehr Finanzmittel bereitstellen zu müssen, führt die Zuschreibung zur höheren Gewinnen sowie Einkommensteuer13 und evtl. zu Ausschüttun­gen.

Zur Kapitalerhaltung besann sich der Gesetzgeber auf die Anschaffungsauszah­lung als Bewertungsobergrenze; ein gutes Mittel in Zeiten der Geldwertstabilität. Bei inflationärer Papierwährung führt dies aber zur fortdauernder Verschleierung des Vermögenswertes: die pagatorische Bilanz ist das Ergebnis eines Durcheinanders aus ver­schiedenen Stadien des Preisanstiegs14.

Weil die Zuschreibung von Bilanzbeständen zu Scheingewinnen führt, muß sie durch Buchung erfolgsneutral gestellt werden; hierzu sind Erhöhungen im Aktivum als Vermögenswertänderung im passiven Konto Wertberichtigung im Haben gegenzubuchen.

Im folgenden Beispiel soll der Preiserhöhung in t1 von 200,- im organischen Bilanzan­satz Rechnung getragen werden:

Buchungssatz in t1: Ware an Wertberichti­gung: 200

t0: Anschaffungsauszahlung: 300


t1: Reproduktionswert: 500

A

P


A

P






Ware 300

EK 300


Ware 500

EK 300





Wertberichtigung 200

Beispiel: Erfolgsneutrale Wertberichtigung

Die Änderungen der Vermögenswerte können auch gleich erfolgsneutral dem Kapitalkonto gutgeschrieben werden, denn das Eigenkapital trägt das Gesamtri­siko aller Vermögensänder­ungen, sowie es Empfänger aller Umsatzgewinne und -verluste ist, die nicht ausgeschüttet oder eingelegt wurden15. Das Leihkapital bleibt von der Preiserhöhung nominal unverändert, das Unternehmen als Schuld­ner bleibt aber davon nicht unberührt!


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Relative Werterhaltung am Beispiel der Umsatzgüter

Handelswaren, Betriebsmittel, Löhne, anteilige AfA aus früheren Perioden sind nach organischem Bilanzkonzept

Die Wertverschiebung bei Handelswaren, Betriebsmitteln und Erzeugnissen findet am Stichtag nur in der Vermögensrechnung im Wertberichtigungskonto statt.

Der Verbrauch oder Verkauf von Waren und Leistungen manifestiert sich in der Gewinn- und Verlustrechnung erst durch Aufwandsverrechnung der Selbstkosten zum Tageswert im Umsatzzeitpunkt16. Einerseits führen bei steigenden Wieder­be­schaf­fungs­preisen die höheren Selbstkosten im Ergebnis zu einem entsprechend niedrigeren Absatzgewinn. Andererseits hat der an der allgemeinen Geldwertverschiebung ausgerichtete Absatzpreis mindestens diese Selbstkosten zu decken: „so viel muß [vom Kunden] gezahlt werden, soll die wirtschaftliche Lage des Betriebes sich nicht verschlechtern17. Im Ergebnis wird der erhöhte Wiederbeschaffungspreis des Beschaffungsmarktes im gleichen Augenblick der Preiserhöhung an den Absatzmarkt weitergereicht, auch wenn die tatsächliche Beschaffung der Betriebsmittel vor der Preisrunde stattgefunden hat. Im Konsumgütermarkt wird bei Preiskalkulation von Treibstoff, z.B. bei Tankstellen, nach diesem Muster verfahren.


Abbildung: Umsatzbewertung zum Wiederbeschaffungspreis zur Vermeidung von Scheingewinnen

Die Einbeziehung des höheren Ersatzwertes in den Absatzpreis (sowohl bei der Erfolgsermittlung als auch bei der Absatzpreiskalkulation18) sichert die Refinanzierung des Unternehmens zum Erwerb neuer höherpreisiger Handelswaren und Roh­stoffe. Kann mit dem Absatzpreis der Erwerb einer Ersatzbeschaffung nicht mehr finanziert werden, führt dies in der organischen Bilanz zum Verlust: Zur Ersatzbe­schaffung sind neue Mittel zu aquirieren. D.h. gelingt die Ersatzbeschaffing nicht in der Umsatzsphäre durch Verkauf zum wirklichen Kostenpreis (Wiederbeschaf­fungspreis) bewirkt die Geldwertverschiebung eine Verlagerung in die Geldsphäre durch Mehrbedarf an Kapital19. Der nach Abzug der Ersatzkosten vom Verkaufs­erlös verbleibende Reinerfolg kann im Sinne der organischen Bilanz nur erzielt werden, „wenn die Unternehmung durch den Erlös aus ihren Waren mindestens in der Lage ist, ihre relative Stellung in der Produktion der Gesamtwirtschaft zu be­haupten20.


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Wertniveau des Unternehmens im Verhältnis zur Geamtwirtschaft

Den Organismus Betrieb durchdringen bildlich gesprochen zwei entgegengesetzte Wertströme:21

Das jeweilige Verhältnis dieser Ströme zueinander bedingt in der Gesamtwirtschaft den Geldwert22. Die Ein- und Ausgangspforten Wiederbeschaffungs­preis und Umsatzer­löse bestimmen durch Preis und Menge, wie Schleusentore, das Wertniveau des Unternehmens.

Es kommt

wenn Preisrelation der Beschaf­fungsseite und Umsatzseite nicht mehr übereinstimmen.

Mit Ansatz zu Wiederbeschaffungspreisen in der Erfolgs­rechnung, wird mit der organische Bilanz die relative Werterhaltung des Betriebes angestrebt:

Zur Werterhaltung bedarf es neben der Anpassung an die meist extern (außer beim Monpol) bestimmten Güterpreise, der effizienten Herstellung zu Kosten, die zuzüglich Normalzins und Risikoprämie unter dem Marktpreis liegen24.


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Planmäßige Abschreibung auf Anlagenwerte

Zu jedem Stichtag sind nach organischem Konzept, Anlagen zu Reproduktions­werten zu berücksichtigen, so als sei jedes Jahr der genutzte Anlagenteil neu zu beschaffen.

Während der Wiederbeschaffungspreis im Bilanzansatz der Anlage durch erfolgsneutrale Zu- oder Abschreibung (vgl. Trennung der Vermögens- von der Erfolgsrechnung) erfasst wird, findet die planmäßige Abschreibung (AfA) zwecks Kostenbestanteil der Fertigerzeugnisse in der GuV (zum Absatzzeitpunkt) ihren Niederschlag und damit auch die Preisänderung der Grundgröße, der Anlage.

Für jede Periode ist der Anteil der Abnutzung zum Abzug zu bringen, der tatsäch­lich in Anspruch genommen wurde25. Konsequenterweise müßte nicht Periodenbezogen sondern Kostenträgerbezogen der AfA-Bestandteil zum Absatztag ermittelt werden, wie es mit den erzeugnisbezogenen Betriebsmittel und Löhnen beschrieben wurde.

Schmidt verteidigt seine organische Abschreibung mit dem Hinweis, daß die mit der Abschreibungsaufwendung, zulasten eines Gewinns, „abge­zweigten“ Mittel nicht bis zur Ersatzbeschaffung der Anlage brachliegend aus­harren, sondern, im steten Betriebsprozess der Anschaffung, Herstellung und des Absatzes, für die Entgeltung von Waren, Löhne und Betriebsmittel mit ent­sprechend gestiegenem Preisniveau be­reitstehen. Eine am Preisniveau angepasste Abschreibung gestattet in jeder Peri­ode die Finanzierung des gleichen Güterquantums26.


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Wertgleichheit durch Harmonie der Real- und Leihkapitalanteile

Nur im Spiegel der Güterpreisentwicklung läßt sich die Geldwertverän­derung diagnostizieren, während der nominale Geldwert davon stets unberührt bleibt. Anders als die Realwerte, denen aufgrund Erhalt ihres Nutzenpotentials laufend der organisch motivierte Reproduktionswert in der organischen Bilanz zukommt, sind Geldwerte im Unternehmen Bargeld, Forderungen und Verbindlichkeiten dem Risiko des Kaufkraftverlustes ausgesetzt. „Die beiden Parteien eines geldwerten Schuldverhältnisses, wie auch die Inhaber von Bargeld müssen sich wider­spruchslos die Auswirkungen der Geldwertverschiebung gefallen lassen27, wobei eine Geldwerterhöhung (Deflation)

und Preiserhöhungen ent­gegengesetzte Wirkung zeigt.

Hat ein Unternehmen eine Verbindlichkeit während einer Situation sinkender Preise, bedarf es einer größeren Zahl abgesetzter Er­zeugnisse, um diese Schuld zu tilgen, als vor dem Geldwertanstieg. Der folgende Fall verdeutlicht die bilanzielle Wirkung des sinkenden Preisniveaus von Anlagen und Umsatzgütern:28


Ausgangssituation


10-fache Preisminderung

A

P


A

P

Anlagen 500

Fremdkapital 1000


Anlagen 50

Fremdkapital 1000

Umsatzgut 500


Umsatzgut 50




Überschuldung 900



Die Verbindlichkeit bleibt dem Kreditvertrag treu, also von der Preisänderung unbeeinflußt. Während bei einem Preisanstieg neues Eigenkapital im Konto Wertveränderung ausgewiesen würde, führt wie oben gezeigt, der bei der Senkung des Preisniveaus eintretende Vermögensverlust zur Überschuldung.

Für den Unternehmer lassen sich hieraus folgende Handlungsanweisungen herleiten:

  1. Bei Gewißheit steigenden Preisniveaus soll das Unternehmen mit möglichst viel Fremdkapital finanziert sein und die Forderungen gering halten (und vice versa).
  2. In Zeiten der Unsicherheit der weiteren Preisentwicklung hat das Unterneh­men Schulden einerseits und Forderungen sowie Bargeld andererseits in je­weils gleichem Umfang zu halten.

Die bewußte Einstellung auf das Gleichgewicht der Geld- und Realwerte“ zur Vermeidung des Preisrisikos nennt Schmidt „Wertgleichheit der Bilanz“. Das Vorgehen erinnert stark an die Behandlung von Fremdwährungsrisiken mit Hilfe des Wertverbundes von Forderung und Verbindlichkeiten gleicher Höhe und Fri­stigkeit.

Die Rückstellung, eine besondere Form des Fremdkapitals mit antizipativem Cha­rakter, bezeichnet Schmidt als „unechte Reserven der Passivseite29. Zu diesen gehören neben Rückstellungen für Risikoauswirkungen, Reserven für Selbstversi­cherung auch der Bestand des Erneuerungskontos für die aktiven Nutzungs- und Abnutzungswerte. Für das Unternehmen bilden diese Posten eine Art Reserve, da bei ihrer Entstehung als Aufwand dem Erlös gegengebucht, Gewinnpotentiale statt in die Erfolsverwendung, als Refinanzierungmittel im Unternehmen verbleiben.

Über den organischen Ansatz der Höhe bei Rückstellungen läßt Schmidt nichts verlauten. Hier wäre zu prüfen, ob mit der Aufwandshöhe der Gegenwart (z.B. Lohnanteil der Pensionsrückstellung) der Betrag endgültig abgegolten und aufge­zinst wird, oder die Höhe der Rückstellung in jeder Periode erneut an das antizi­pierte Preisniveau der noch zu erbringenden Leistung angepaßt werden muß (z.B. bei Rückstellungen für unterlassene Erneuerung, Herstellung und Anschaffung, Garantierückstellungen).


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Einschätzung der organischen Bilanzauffassung

Eine Gewinnerzielung mit zu niedrigen Selbstkosten auf Basis des historischen Anschaf­fungs­preises führt häufig zur Fehleinschätzung der Ertragslage für Wie­derholungsgeschäfte. Der hieraus resultierende scheinbare Gewinn wiegt Erzeuger und Händler in falschem Optimismus, motiviert zu stärkerem Umsatz bzw. stei­gender Produktion: die Konjunktur wird ausgedehnt und übersteigert. „Die klare Erkenntnis der Verluste würde manche übereilten Konkurse und Liquidation ver­hüten.30 Die Erkenntis, daß Nominalwertdenken bei der Gewinnberechnung falsche betriebspolitische Maßnahmen und ihrerseits Störungen in der Volkswirtschaft auslösen31, führte Schmidt 1927 zu seinem Aufsatz „Die Industriekonjunktur – ein Rechenfehler“.

Scheinverluste bei Wiederbeschaffungspreisen unter Anschaffungswert bewirken falschen Pessimismus und führen zur Einschränkung der Umsatztätig­keit32.

Die Gegenüberstellung der durch Geldwertminderung erhöhten Preise, des Wieder­beschaffungspreises und des Absatzpreises hat den Zweck, das Potential bzw. die Refinanzierungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten. Neben dieser, mittels Bilanz­konzep­tion, institutionalisierten Form der Substanzerhaltung, können auch für Bilanzen zu historischen Anschaffungspreisen Strategien zur Ver­meidung von Ausschüttung von Scheingewinnen zur Anwendung kommen:

Am Beispiel der Spekulation, bei der Absatz- und Beschaffungsmarkt identisch sind, zeigen sich die Grenzen der Substanzbewertung zum Wiederbeschaffungspreis. Kauf und Verkauf von Aktien, ob mit Gewinn oder Verlust, werden im organischen Ansatz niemals ergebniswirksam. Kursänderungen wirken über das Konto Wertberichtigung in das Eigenkapital lediglich vermö­genswirksam. Bei Wertgleichheit der Beschaffungs- und Absatzpreise, sowie beim Fehlen von Marktpreisen, z.B. für Spezialwerkzeug, kann die Korrektur der Scheingewinne mittels Preisindex erfolgen. Dieser „Generalin­dex“, berechnet aus dem Durchschnitt aller Warenpreise, zeigt die allgemeine Geldwertentwicklung33.

Walb34 sieht den Wiederbeschaffungspreis als Größe der Kalkulation zur Fest­stellung des Wertes der verzehrten Güter, nicht aber als Teil der Erfolgsrechnung. Die organische Bilanz verwende dagegen Ausgaben und Einnahmen zur Dokumentation der Erhaltung, Verbrauch oder Vermehrung des Kapitals.

Schmalenbach lehnt die dualistische Bilanz, so die organische Bilanz, als unwissenschaftlich ab, da Dualisten den Nachweis nicht erbringen, Vermögen und Erfolg auf vollkommene Weise zu ermitteln. Auch wenn bei Steigerung der Wiederbeschaffungspreise die Substanz richtig in der organischen Bilanz ausgewiesen wird, ist offen, ob nicht Teile des Scheingewinns doch betrieblicher Erfolg sind. Im Falle oligopolistischer Märkte kann die Preiserhöhung im Absatz stärker ausfallen als im Beschaffungsmarkt, so wie bei Kraftstoff und Rohöl: Ein Teil des Scheingewinns ist in der Marktstellung begründet und daher, im Gegensatz zur organischen Bilanz, ergebniswirksam.

Praktische Anwendung erfährt die bilanzielle Bewertung zu Wiederbeschffungspreisen in Verbindung mit dem Wertänderungskontos (jedoch mit Einschränkungen insbesondere mit der (Schein-)Gewinnrealisierung bei Veräußerung):


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Zusammenfassung

Ziele der Organischen Bilanz

Volkswirtschaftliche Einbettung

Der Begründer der Organischen Bilanz Fritz Schmidt

Entstehung und Auswirkung des Preisauftriebs

Ursachen für Geldwertveränderungen in der Volkswirtschaft:

Vermögensrechnung zur Messung des Rentabilitätsniveaus

Vergleichsmöglichkeit bei der Rentabilitätsmessung:

  1. Gewinn erreicht mindestens die Nominalverzinsung des eingesetzten betrieblichen Kapitals
  2. Bei verändertem Preisniveau der Rohstoffe verändert sich der betriebliche Kapitalbedarf
  3. Ermittlung des Reproduktionswertes des Unternehemens mittels Wiederbeschaffungspreisen
  4. Ein darüber hinausgehender Gesamtwert des Unternehemens basiert auf Fähigkeiten des Unternehmers

Trennung der Vermögens- von der Erfolgsrechnung durch das Konto Wertberichtigung

Substanzerhaltung bei Marktpreiserhöhung:

Aufgrund erhöhten Finanzbedarfs auf der Beschaffungsseite und Gefahr des Abflusses von Finanzmitteln durch Scheingewinne

  1. sind Bilanzänderung auf Wiederbeschaffungspreise erfolgsneutral zu behandeln,
  2. indem eine bilanzielle Wertänderung mit dem Eigenkapitalkonto „Wertberichtgung“ gegenzubuchen ist.

Relative Werterhaltung am Beispiel der Umsatzgüter

Am Bilanzstichtag bzw. Umsatzzeitpunkt:

  1. sind Halbfertig- und Fertigerzeugnisse neu zu bewerten
  2. mit dem Tageswert zu Wiederbeschaffungspreisen der verbauten Roh-, Hilfs-,Betriebsstoffe, Löhne und anteilige AfA
  3. im Umsatzzeitpunkt: Tageswert der Fertigerzeugnisse als Umsatzaufwand mit dem Umsatzerlös in der GuV verrechnen

Bei steigenden Wiederbeschaffungspreisen sichert eine Stichtagsbewertung der Fertigerzeugnisse:

Wertniveau des Unternehmens im Verhältnis zur Geamtwirtschaft

Zwei entgegengesetzte Ströme im Unternehmen:

Entspricht das Verhältnis dieser Ströme nicht dem der Gesamtwirtschaft führt dies aus Sicht des Unternehmens zur

Planmäßige Abschreibung auf Anlagenwerte

Marktpreisänderung gehen indirekt über AfA-Sätze in die Erfolgsrechnung.

Wertgleichheit durch Harmonie der Real- und Leihkapitalanteile

Unterschiedliche Auswirkung von Geldwertänderung bei bilanziellen Ansätze von Güter und nominalen Geldwerten:

Bei sinkenden Preisniveau:

Handlungsempfehlung für den Unternehmer:

Rückstellung seien vom Gewinn abgezweigte unechte Reserven der Passivseite, so Schmidt

Einschätzung der organischen Bilanzauffassung

Erfolgsrechnug nach organischer Bilanz vermeidet:

Auch bei einer Bilanz der Nominalwerte könnten Maßnamen die betriebliche Substanz erhalten:

Problem bei Bewertung zum Wiederbeschaffungspreis bei Spekulationsmärkten, z.B. Wertpapiermärkte:

Schmalenbach: gleichzeitige Verfolgung der Ziele

ist nicht möglich und unwissenschaftlich.

Praktische Anwendung von Wiederbeschaffungspreis und Wertänderungskonto:


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Fußnoten

1 „[...] daß jede Produktionsperiode denTeil der Abnutzung, der wirklich in Anspruch genommen wurde, zum jeweiligen Ersatzerte ihres Abschlußtermins zu ersetzen hat“, vgl. Schmidt, Fritz: Die organische Bilanz im Rahmen der Wirtschaft, Faksimili-Druck nach dem Original von 1921, Wiesbaden 1979, S. 75

2 „Es wird also in allen Fällen, in denen die Zahlung für Kosten, an die ja die Verbuchung in der Regel geknüpft ist, zeitlich nicht dem Eingang des Kostenwertes parallel läuft, eine besondere Verrechnung notwendig werden“, vgl. Schmidt, Fritz: Die organische Tageswertbilanz, 3. Aufl., Leipzig 1929, S. 251 f.

3 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 59

4 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 46

5 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 47

6 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 50 ff.

7 beide Zitate: Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 53

8 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 61

9 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 62

10 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 66

11 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 65 f.

12 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 88

13 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 73

14 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 79

15 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 92 f.

16 „Reinerfolg [...] ist der Rest, der vom Verkaufserlös [...] verbleibt, nachdem alle Ersatzbeträge [...] notwendige Kostenmenge zum Beschaffungswert des Umsatztages abgezogen sind“, vgl. Schmidt: organische Bilanz, 3. Aufl., 1929, 127, oder „Prinzip der Kostenbewertung mit dem Tagesbeschaffungs- oder Wieder­be­schaffungs­wert“, vgl. Ebenda, S. 128

17 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 89

18 Denn der Preis ergibt sich aus der Gegenüberstellung von Preisabsatzfunktion und Kostenverlaufsfunktion.

19 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 101 f.

20 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 100

21 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 120

22 Ebenda

23 Ebenda

24 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 121

25 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 75

26 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 86

27 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 42

28 Schmidt: organische Bilanz, 1921, S. 98

29 Schmidt: organische Bilanz, 3. Aufl., 1929, S. 249

30 Sykora, Gustav: Die Konten- und Bilanztheorien, 2. Aufl., Eisenstadt 1978, S. 243

31 Sykora: Konten- und Bilanztheorien, 1978, S. 243

32 Henzel, F. Fritz Schmidts Vermächtnis, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft (ZfB), 1968, S. 808

33 Schmidt: organische Bilanz, 3. Aufl., 1929, S. 268

34 Walb, E.: Tageswert oder Anschaffungswert in der Bilanz, in: Zeitschrift für handelswissenschaftliche Forschung, Jg. 18, 1924, aus: Sykora: Konten- und Bilanztheorien, 1978, S. 245


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Quelle:

Yorck von Wartenburg, Marcus:
"Internationale Rechnungslegung vor bilanztheoretischem Hintergrund",
Diplomarbeit, Trier, 06.12.2004, S. 44-53

Anregung und Kommentar:

© Yorck von Wartenburg, 02.09.2005